Koreas Neuausrichtung: „Erst erstatten, dann evaluieren“
Korea plant, ausgewählte Arzneimittel gegen seltene Erkrankungen zunächst zu erstatten und ihren Wert erst danach zu überprüfen – eine Neuordnung eines Erstattungsprozesses, der früher Jahre dauerte.
Executive Summary
Korea ändert die Reihenfolge, in der Arzneimittel erstattet werden. Jahrelang musste ein Medikament zunächst eine lange, vorgeschaltete Nutzenbewertung durchlaufen, bevor die gesetzliche Krankenversicherung die Kosten übernahm. Mit dem neuen Ansatz „Erst erstatten, dann evaluieren“ wird das Land künftig ausgewählte Therapien gegen seltene Erkrankungen zunächst erstatten und ihren Wert erst im Nachhinein anhand von Real-World-Daten überprüfen.
Das Signal für diesen Kurswechsel kam von ganz oben. Am 2. Januar 2026 forderte der Präsident des Health Insurance Review and Assessment Service (HIRA), Kang Joong-gu, in seiner Neujahrsansprache niedrigere Erstattungshürden für teure Behandlungen seltener und schwerer Erkrankungen – gepaart mit strengeren Kontrollen, nachdem die Erstattung begonnen hat. „Wir müssen uns auf eine Struktur zubewegen, in der wir zunächst Behandlungsmöglichkeiten bereitstellen und Wirksamkeit und Wert anschließend anhand von Real-World-Daten überprüfen“, sagte er.
Für internationale Führungskräfte aus Healthcare und MedTech ist dies mehr als eine administrative Feinjustierung. Sie verändert, wann ein Unternehmen in Korea bezahlt wird, welche Evidenz es nach der Markteinführung weiter generieren muss, und welchen Platz Korea in einer globalen Launch-Reihenfolge einnimmt. Die Reform verläuft in Phasen und ist noch nicht abgeschlossen, doch die Richtung steht nun fest.
Was geschehen ist
Die Erstattung in Korea verlief lange Zeit streng sequenziell. Nachdem das Ministry of Food and Drug Safety (MFDS), die Arzneimittelbehörde, ein Produkt zugelassen hat, bewertet HIRA dessen klinischen und wirtschaftlichen Wert, der National Health Insurance Service (NHIS) verhandelt den Preis, und das Ministry of Health and Welfare (MOHW) erteilt die abschließende Freigabe. Jede Stufe folgt auf die vorherige. Die formale Prüffrist beträgt 240 Tage, in der Praxis haben manche Therapien gegen seltene Erkrankungen jedoch mehr als drei Jahre von der Zulassung bis zur Erstattung benötigt.
Kangs Neujahrsbotschaft benannte den Zielkonflikt unmittelbar: rascher Patientenzugang auf der einen, fiskalische Kontrolle auf der anderen Seite. HIRA werde sich stärker auf bereits vorhandene Instrumente wie bedingte Erstattung und Risk-Sharing-Vereinbarungen stützen, um Patienten schneller behandeln zu können. Im Gegenzug werde die Überwachung tatsächlicher klinischer Ergebnisse, der Sicherheit und der Kosteneffektivität nach Beginn der Erstattung intensiviert. Er beschrieb dies als Grenze des alten Modells: Dem Versuch, im Moment der Erstattungsentscheidung sämtliche Unsicherheit zu beseitigen, seien Grenzen gesetzt.
Hinter der Rhetorik steht ein konkreter Mechanismus. Im Rahmen des entstehenden Paradigmas „Erst erstatten, dann evaluieren“ sollen Therapien gegen seltene Erkrankungen eine Erstattung innerhalb von 100 Tagen anstreben. HIRA und NHIS würden parallel statt sequenziell prüfen und Informationen in Echtzeit austauschen, um die Übergaben zu verringern, die Verzögerungen bislang verstärkt haben. Die Nutzenbewertung zum Zeitpunkt der Listung könnte gestrafft werden, wobei internationale Preisvergleiche anstelle vollständiger ökonomischer Modellierungen herangezogen würden; eine formale Preisneubewertung würde nach der Listung anhand von Real-World-Evidenz erfolgen. Die Regierung prüft den Einsatz KI-gestützter Infrastruktur, um diese Prüfung zu beschleunigen.
Der Zeitplan ist gestaffelt. Der Ansatz soll in der zweiten Hälfte von 2026 pilotiert, 2027 umgesetzt und ab 2028 auf ausgewählte innovative Arzneimittel über seltene Erkrankungen hinaus ausgeweitet werden. Diese Ausweitung ist bedeutsam: Sie macht aus einer gezielten Lösung für seltene Erkrankungen ein breiteres Signal dafür, wie Korea Innovation künftig belohnen will.
Die Neuausrichtung steht nicht für sich allein. Sie ist Teil eines umfassenderen Reformpakets für 2026-2028, das Marktzugangsanalysten von Simon-Kucher beschrieben haben. Ein flexibles Vertragssystem, das im Juni 2026 eingeführt wurde, erlaubt es, dass ein Arzneimittel einen hohen öffentlichen Listenpreis führt, während der tatsächlich erstattete Preis vertraulich mit NHIS verhandelt wird – wodurch die Exposition gegenüber internationaler Referenzpreisbildung sinkt, die Markteinführungen lange abgeschreckt hat. Gewichtete Kosteneffektivitäts-Schwellenwerte, die 2027 kommen sollen, würden es Nutzenbewertungen erlauben, Krankheitsschwere und klinischen Nutzen zu gewichten, statt sich allein auf eine niedrige, feste Kosten-pro-QALY-Grenze zu stützen, die seit 2006 unverändert ist. Auf regulatorischer Seite hat MFDS erklärt, die Prüfzeiten für Biosimilars von bis zu 420 Tagen auf 240 Tage verkürzen und den humanitären Zugang zu hochpreisigen Orphan Drugs formalisieren zu wollen. Die einzelnen Bausteine weisen in dieselbe Richtung: schnellerer Zugang, finanziert durch strengere Kontrolle nach der Markteinführung.
Warum es wichtig ist
Die klarste Implikation betrifft die Launch-Reihenfolge. Korea wurde in globalen Launch-Plänen häufig nachrangig behandelt – nicht weil der Markt klein ist, sondern weil der Zugang langsam war und einmal niedrig festgesetzte und offengelegte Preise Verhandlungen anderswo belasten konnten. Die Verkürzung des Zulassungswegs für seltene Erkrankungen auf 100 Tage, gepaart mit vertraulicher Preisgestaltung, entkräftet zwei der Gründe, aus denen Unternehmen Korea zurückgestellt haben. Hersteller mit anstehenden Launches in Onkologie, seltenen Erkrankungen und Neurologie sollten neu bewerten, welchen Platz Korea in ihrer Reihenfolge einnimmt, denn frühe Markteintritte setzen häufig die Preispräzedenzfälle, die andere übernehmen.
Die Reform verändert auch, was „Erstattung erhalten“ bedeutet. In einem Erst-erstatten-Modell ist die Kostenübernahme nicht mehr die Ziellinie. Sie ist der Beginn eines fortlaufenden Evidenz- und Preisdialogs mit HIRA, NHIS und MOHW, wobei sich die Preisneubewertung auf Real-World-Daten stützt. Das erhöht den Wert einer koreaspezifischen Evidenzstrategie, die von Beginn an in die klinische Entwicklung eingebettet ist, statt erst nach der Listung zusammengestellt zu werden. Unternehmen, die die Erhebung von Real-World-Daten als nachträgliche Randnotiz des Launches behandeln, werden bei der Neubewertung angreifbar sein.
Es gibt eine fiskalische Logik, die man benennen sollte. Erst zu zahlen und später zu prüfen verlagert das Risiko auf den Kostenträger, weshalb Korea dies mit schärferer Überwachung nach der Markteinführung sowie der Möglichkeit ausgleicht, schwach performende Therapien zurückzunehmen oder neu zu bepreisen. Für den Staat lautet die Wette, dass schnellerer Zugang plus disziplinierte Nachverfolgung weniger kostet als die derzeitige Mischung aus langen Verzögerungen und pauschaler Preiskontrolle. Für Unternehmen bedeutet dies, dass die Prüfung nicht verschwindet – sie verlagert sich nur nach hinten.
Für MedTech und Diagnostik liegt die Relevanz in der Richtung der Entwicklung. Ein System, das sich auf eine ergebnisbasierte Nutzenbewertung zubewegt und bereit ist, Schwere und Nutzen zu gewichten statt sich an einem einzigen Schwellenwert zu orientieren, begünstigt Technologien, die ihre nachgelagerte Wirkung belegen können. Das Risiko liegt im Tempo. Der Weg befindet sich noch im Pilotstadium, Anspruchsberechtigung und operative Details sind noch nicht festgelegt, und eine angekündigte Reform ist noch keine verlässliche Reform.
Kernbotschaft
Korea ordnet seinen Erstattungsprozess neu, statt ihn nur zu beschleunigen. Ausgewählte Arzneimittel gegen seltene Erkrankungen sollen künftig zunächst erstattet werden – innerhalb eines 100-Tage-Ziels – und erst danach anhand von Real-World-Daten evaluiert werden, mit einer Pilotphase Ende 2026, einer Einführung 2027 und einer Ausweitung auf innovative Arzneimittel ab 2028. Gepaart mit vertraulicher Preisgestaltung und gewichteten Wertschwellen entkräftet dieser Wandel zwei langjährige Gründe, Korea in globalen Launch-Plänen nachrangig zu behandeln. Doch die Kostenübernahme wird zum Beginn eines Evidenzdialogs, nicht zu dessen Ende. Internationale Pharma- und MedTech-Führungskräfte sollten jetzt koreaspezifische Real-World-Evidenz-Strategien aufbauen und die Umsetzung der Pilotphase beobachten – nicht nur deren Ankündigung.
- HIRA Chief Vows Faster Drug Approvals with Stronger Post-Market Monitoring — Seoul Economic Daily
- Korea pharma market access: Inside the 2026 drug pricing policy reforms — Simon-Kucher
- Korea Starts Reforms to Fast-Track Healthcare Approvals and Improve Rare Disease Access — Pacific Bridge Medical
- Health Insurance Review & Assessment Service (HIRA) — English overview